» Der Durchschnitt ist

der Freund der Politik.

Regionalisierung und

Kartendarstellung lösen

die Durchschnittsbildung

auf. «

Das Projekt Armutsatlas stellt sich vor

„Jetzt führt uns die Krise vor Augen: Wir haben alle über unsere Verhältnisse gelebt." So die vermeintliche Analyse. Sind „Wir" alle kleine Sünderlein? Und haben als ganz normale Bürger die Krise mitverursacht, durch unsolides Wirtschaften? Wie passt das zur hohen Sparquote in Deutschland, die viele als „Angstsparen" bezeichnen? Wie passt das zu der seit Jahren beklagten Konsumschwäche in Deutschland?

Unter unseren Verhältnissen…!

Diesen sozialen Zustand bildet der Armutsatlas für die Jahre 2005 bis 2007 ab: Deutschland noch ohne Krise und im Wachstum, aber mit vielen Nullrunden bei Einkommen und Sozialleistungen.

Der Charme einer Karte liegt in ihrer selbsterklärenden Wirkung. Der Mensch ist ein „Augentier", und er kann anhand von Karten sofort Zusammenhänge, eine Ballung ungünstiger Merkmale, gewissermaßen die „Hinterhöfe" in Deutschland, unmittelbar erkennen. Bundes- und Landesdurchschnitte nivellieren, verwischen, verdecken: Insbesondere verdecken sie problematische Strukturen oder Entwicklungen. Der Durchschnitt ist der Freund der Politik. Regionalisierung und Kartendarstellung lösen die Durchschnittsbildung auf. Das ist angemessener: Der Mensch lebt nicht im Durchschnitt, er lebt in der Region. Zahlenkolonnen zur Armut in der Region bekommen buchstäblich eine Färbung. Das kann dann mehr Farbe in einer Karte sein, als es so mancher gern hätte.

Ohne Daten kein Armutsbericht und kein Armutsatlas. In einer Sonderauswertung hat das Statistische Bundesamt für den Paritätischen regionalisierte Armutsquoten berechnet. Für die Unterstützung möchte ich mich ganz besonders bei den Kolleginnen und Kollegen bedanken.

Der erste Armutsbericht des Paritätischen wurde vom Verband im Jahre 1989 vorgestellt, genauer im November 1989, am Vorabend der Wiedervereinigung. Dann folgten noch zwei weitere Berichte 1994 und im Jahre 2000. Armutsberichte haben gewissermaßen eine Tradition im Paritätischen begründet, die mit dem ersten Armutsatlas für Regionen fortgeführt wird. Die sozialpolitischen Wirkungen der Armutsberichte waren sehr groß: Bekanntlich gibt es inzwischen eine amtliche Armuts- und Reichtumsberichterstattung des Bundes und bei Bundesländern.

Kartendarstellungen sind für sich schon starke Argumente in einer sozialpolitischen Debatte. Ich hoffe, dass der Armutsatlas die Armutsdiskussion in Deutschland neu belebt und neue Fragen nach Ursachen und Auswirkungen auf die Regionen gestellt werden. Ich hoffe aber auch, dass der Armutsatlas im Leser das Interesse für weitere und eigene Regionalanalysen und Kartendarstellungen weckt. Die Analysewerkzeuge stehen bereit.

Die Mehrzahl der deutschen Bevölkerung lebt unter dem Lebensstandard, den das Wirtschaftswachstum ermöglicht hätte. Deutschland leistet sich seit der Jahrtausendwende stagnierende Realeinkommen von Arbeitern und Angestellten. Rentner und Bezieher von Arbeitslosengeld II und Grundsicherung mussten sogar mit sinkenden Realeinkommen fertig werden.